Da steht er im Wald und schwingt seine Axt…
Emma: Ich sehne mich immer wieder danach, zu ihm zu gehen. Ich kann nicht mehr. Wir sind voller Wunden. Manche sind frisch. Andere noch nicht verheilt. Wir verlieren mittlerweile zu viel Blut. Mir ist schon ganz schwindelig.
Er ist mit dem Axtspiel beschäftigt. Es schützt ihn. Nicht die Axt selbst, sondern das Spiel.
Emma: Mag sein, aber wir haben auch schon mit ihm gesprochen, ihn angefleht, geweint, dass er mit dem Axtspiel aufhören soll, und ihm unsere Wunden gezeigt. Dennoch hält er die Axt nicht still. Wir sind ihm egal! Also wieso das Ganze? Liebt er uns denn gar nicht?
Wir sind ihm nicht egal. Er sieht die Verletzungen und weiß, dass sie vom Axtspiel kommen. Aber wenn wir ihm zu nahe kommen, fühlt er sich bedroht.
Emma: Bedroht? Wir sind nackt, unbewaffnet und wollen ihm nicht wehtun. Im Gegenteil, wir wollen ihm unsere Liebe geben. Wenn wir ihm wichtig wären, würde er aufhören!
Er glaubt, das Axtspiel sei notwendig, um sich zu schützen. Er sieht unsere Wunden, aber hält sie für die Folge unserer Entscheidung, trotz seiner Warnungen näher zu kommen. Und ganz unrecht hat er damit nicht: Wir laufen immer wieder hinein.
Emma: Aber er könnte uns doch wenigstens Verbandsmaterial reichen.
Das ginge nur, wenn er die Axt stillhält. Dazu ist er nicht fähig.
Emma: Also rennen wir immer wieder hin, obwohl es uns verletzt? Nur aus Liebe?
Ja. Nähe ist für uns Liebe.
Emma: Und für ihn?
Für ihn ist Nähe Gefahr. Er hat früh gelernt, dass Verletzlichkeit schmerzhaft ist. Er ruft: „Haltet Abstand! Oder zieht eine Rüstung an!“ Er wünscht sich Verbundenheit mit Schutz. Liebe ohne Verwundbarkeit.
Emma: Wir haben ihn noch nie verletzt.
Das stimmt. Weißt du noch, dass er die Axt manchmal stillgehalten hat? Wir haben uns umarmt.
Emma: Ja … und danach kam die Axt zurück. Die Verletzungen waren jedes Mal schlimmer als zuvor. Trotzdem haben wir gehofft, dass er es irgendwann schafft.
Ich weiß. Je länger die Umarmung, desto stärker wurde sein Drang, die Axt wieder zu schwingen. Vielleicht könnte er es eines Tages lernen. Aber im Moment hält er diese Verwundbarkeit nicht aus.
Emma: Warum ziehen wir dann nicht endlich diese blöde Rüstung an? Er warnt uns doch. Also denkt er, wir seien selbst schuld?
Ja. Für ihn liegt das Problem nicht im Axtspiel, sondern darin, dass wir immer wieder näher kommen.
Emma: Dann ziehen wir die Rüstung an. Wir haben Geduld gehabt und alles versucht. Ich kann nicht mehr. Ich will ihm endlich nah sein.
Das funktioniert nicht, Emma.
Emma: Wieso nicht? Dann verletzt er uns nicht und alle sind glücklich.
Nein. Um jemanden wirklich zu spüren, muss man nackt sein. Offen. Ehrlich. Verletzlich. Das ist die Art, wie wir lieben.
Emma: Also können wir ihm ohne Rüstung nicht nahe kommen und mit Rüstung auch nicht.
Richtig.
Emma: Dann ergibt das alles keinen Sinn. Entweder hört er auf, die Axt zu schwingen, oder wir müssen gehen. Ich habe keine Kraft mehr. Schau uns an. Wir sind voller Narben, voller Wunden. Noch ein Hieb, und es bleibt nichts mehr übrig.
Ich weiß. Wir haben schon viel zu lange ausgeharrt. Wir müssen gehen. Wir leiden, und er leidet auch.
Emma: Aber ich will nicht gehen. Ich will mit ihm sein. Ich will mir ein Leben ohne ihn nicht einmal vorstellen.
Er möchte auch, dass wir bleiben. Wenn wir gehen, wird es ihm ebenfalls das Herz zerreißen.
Emma: Dann gehen wir und müssen dabei zusehen, wie es ihm das Herz zerreißt?
Ja. Aber wenn wir gehen, sterben wir nicht. Mit der Zeit können wir heilen.
Emma: Wer hat sich das denn ausgedacht? Das ist doch bescheuert. Das Letzte, was wir wollen, ist, ihn leiden zu sehen. Wir wollen ihn lieben.
Ich weiß. Genau das macht es so schwer.
Emma: Aber er weiß doch, dass wir gehen, um uns zu schützen, und nicht weil wir ihn nicht mehr lieben, oder?
Ich weiß es nicht. Für ihn wäre Liebe, dass wir Abstand halten oder eine Rüstung tragen. Deshalb wird er unser Gehen wahrscheinlich als Ablehnung verstehen.
Emma: Also fühlt er sich ähnlich wie wir?
Ja. Nur dass ihm unsere Liebe weh tut und uns sein Schutz.
Emma: Wird er irgendwann verstehen, dass er die Axt hätte stillhalten müssen? Dass Nähe irgendwann keine Gefahr mehr gewesen wäre?
Vielleicht. Aber das muss er selbst erkennen. Wir können es ihm nicht beibringen.
Emma: Das heißt, wir lieben uns beide und trotzdem funktioniert es nicht?
Ja.
Emma: Und jetzt bleibt nur noch gehen?
Ja.
Emma: Das ist verrückt.
Ich weiß.
Emma: Ich will nicht gehen.
Ich weiß. Aber wir können nicht bleiben.
Manchmal reicht Liebe allein nicht.
Komm. Lass uns gehen…
_stay_wonderful_